Was ist die AFS-Methode?
Die AFS-Methode ist ein pädagogisch-didaktischer Förderansatz für Menschen mit Legasthenie oder Dyskalkulie, entwickelt von der Dyslexiaforscherin Dr. Astrid Kopp-Duller. Die drei Buchstaben stehen für die drei Trainingsebenen: A für Aufmerksamkeit, F für Funktion und S für Symptom. Trainiert werden also erstens die Aufmerksamkeit beim Schreiben, Lesen oder Rechnen, zweitens die Sinneswahrnehmungen, also die Teilleistungen, die für diese Tätigkeiten gebraucht werden, und drittens die individuellen Fehlerbereiche, etwa einzelne Buchstaben, Wörter oder Rechenschritte. Grundlage ist die Erkenntnis, dass legasthene und dyskalkule Menschen Informationen anders verarbeiten. Die AFS-Methode ist ein offenes, individuell angepasstes Training und ausdrücklich keine Therapie, da Legasthenie keine Krankheit ist. Die Methode unterscheidet dabei bewusst zwischen der biogenetisch bedingten Legasthenie und einer erworbenen Lese-Rechtschreibschwäche (LRS), die andere Ursachen hat. Sie ist das Ergebnis empirischer pädagogischer Forschung, wird seit über 25 Jahren weltweit von diplomierten Legasthenietrainer*innen und Dyskalkulietrainer*innen angewendet und bildet die Grundlage des EÖDL-Fernstudiums sowie des AFS-Testverfahrens.
Die drei Ebenen
Die AFS-Methode wird als umfassend bezeichnet, weil in allen Bereichen, in denen legasthene und dyskalkule Menschen Schwierigkeiten haben, eine gezielte individuelle Förderung erfolgt. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf dem multisensorischen Lernen, dem Lernen mit allen Sinnen.
Aufmerksamkeit
Legasthene und dyskalkule Menschen haben Probleme, die Aufmerksamkeit gezielt auf Buchstaben und Zahlen zu lenken und dort zu halten. Genau das ist eine Notwendigkeit, um das Schreiben, Lesen oder Rechnen zu erlernen. Mit der Verbesserung der Aufmerksamkeit bessert sich auch die zeitweilige Unruhe, die manche Betroffene zeigen. Diese wird oft mit anderen Krankheitsbildern verwechselt, wobei übersehen wird, dass die Symptome nur beim Schreiben, Lesen oder Rechnen auftreten und nicht in anderen Situationen.
Funktion
Gemeint sind die Sinneswahrnehmungsleistungen, die für ein erfolgreiches Erlernen des Schreibens, Lesens und Rechnens gebraucht werden. Ein gezieltes individuelles Training ist besonders im optischen und akustischen Bereich einschließlich der phonologischen Bewusstheit sowie in der Raumwahrnehmung notwendig. Mittels bildgebender Verfahren wurde nachgewiesen, dass die Nutzung unterschiedlicher Sinne beim Lernen unterschiedliche Gehirnareale aktiviert und dass eine vielseitige Aktivierung dazu beiträgt, Informationen besser zu speichern und wieder abzurufen.
Symptom
Ein Gesamterfolg kann nur erzielt werden, wenn dem Training an der Symptomatik selbst, also im Schreib-, Lese- oder Rechenbereich, ausreichend Bedeutung beigemessen wird. Dabei ist darauf zu achten, dass auf die jeweiligen Bedürfnisse der Betroffenen Rücksicht genommen wird. Ein gezieltes und individuelles Training muss also auch in diesem Bereich erfolgen.
Hintergrund
Die Wissenschaft beschäftigt sich seit mehr als einem Jahrhundert mit der Frage, warum sich bei manchen Menschen beim Erlernen des Schreibens, Lesens oder Rechnens Probleme ergeben. Dass sich zuerst Mediziner damit befassten, führte dazu, dass man grundsätzlich davon ausging, diese Probleme seien pathologisch, also krankhaft.
Erst spät setzte die pädagogische Forschung Schritte, wirksame Methoden zu entwickeln, um Betroffenen eine individuelle Förderung zu ermöglichen. In der Praxis findet man viele Fälle, in denen tatsächlich keine Intervention durch die Gesundheitsebene notwendig ist, sondern lediglich ein auf die Anforderungen abgestimmter pädagogisch-didaktischer Ansatz.
Man hat inzwischen erkannt, aber noch nicht ausreichend gewürdigt, dass bei weitem nicht alle Menschen mit Schreib-, Lese- oder Rechenproblemen schwach, gestört, krank oder gar behindert sind. Vielmehr reichen die in den Schulen üblichen didaktischen Ansätze für sie nicht aus, um das Schreiben, Lesen oder Rechnen so zu erlernen, wie es allgemein erwartet wird.
Der pädagogisch-didaktische Ansatz
Die AFS-Methode wurde ausgehend von der Tatsache entwickelt, dass legasthene und dyskalkule Menschen eine andere Informationsverarbeitung aufweisen, die sich lediglich beim Erlernen des Schreibens, Lesens und Rechnens bemerkbar macht, und deshalb eine andere Lernfähigkeit haben.
Ziel bei der Entwicklung war es, pädagogisch-didaktisches Handeln besser zu beschreiben und planbar zu machen und damit einen Beitrag zur Professionalisierung zu leisten. Zwischen der Wissenschaft mit ihrer zunehmenden Fülle an empirischen Forschungsergebnissen und den immer neuen unbewältigten Praxisproblemen soll ein Bezugspunkt entstehen: Forschungsergebnisse sollen für die praktische Arbeit mit Betroffenen umgesetzt werden.
Studien im Rahmen pädagogischer Forschung haben gezeigt, dass bei einem Teil der Betroffenen die alleinige vermehrte Förderung am Symptom, also an den Fehlern, nur geringe oder gar keine Wirkung zeigt. Besonders dann, wenn die Verursachung im genetischen Bereich liegt, reicht Mehrübung im Schreib-, Lese- und Rechenbereich allein nicht aus. Genau deshalb verbindet die AFS-Methode drei Förderbereiche.
Eine offene Methode
Das Konzept der AFS-Methode gibt die Bereiche der Förderung vor und bleibt zugleich völlig offen gegenüber anderen bewährten Ansätzen, die Menschen mit Schreib-, Lese- oder Rechenproblemen helfen.
So kann die AFS-Methode durch eine Vielzahl anderweitig entwickelter und erprobter Methoden angereichert werden. Jeder sinnvolle Ansatz, der zur Verbesserung eines der drei Teilbereiche führt, kann integriert werden. Die vorgeschriebenen Strukturen und die frei wählbaren Teile ermöglichen, dass in der Förderung vollständig auf die Bedürfnisse jedes einzelnen Betroffenen eingegangen werden kann.
Wirksamkeit
Die Daten und Fakten einer Langzeitstudie bestätigen die Wirksamkeit der Methode. 85 Prozent der Probanden verbesserten ihre Schreib-, Lese- und Rechenleistungen im zweijährigen Beobachtungszeitraum kontinuierlich und konnten damit die Anforderungen in der Schule erfüllen.
- Erhebungszeitraum
- 2001 bis 2006
- Probanden
- 3.370
- Beobachtungszeitraum
- zwei Jahre je Proband
- Ergebnis
- 85 Prozent mit kontinuierlicher Verbesserung
Wer wendet die AFS-Methode an?
Angewendet wird die Methode von diplomierten Legasthenietrainer*innen und Dyskalkulietrainer*innen, die dafür ein Fernstudium des Ersten Österreichischen Dachverbandes Legasthenie absolviert haben.
Häufige Fragen
Wofür stehen die Buchstaben AFS?
A steht für Aufmerksamkeit, F für Funktion und S für Symptom. Das sind die drei Ebenen, auf denen ein Training nach der AFS-Methode gleichzeitig ansetzt.
Ist die AFS-Methode eine Therapie?
Nein. Die AFS-Methode ist ein pädagogisch-didaktischer Förderansatz, also ein Training. Legasthenie ist keine Krankheit, sondern eine andere Art der Informationsverarbeitung. Deshalb ist keine Behandlung nötig, sondern eine individuell abgestimmte Förderung.
Für wen ist die AFS-Methode geeignet?
Für Menschen jeden Alters mit Legasthenie, Dyskalkulie oder einer erworbenen Lese-Rechtschreibschwäche. Kinder ebenso wie Jugendliche und Erwachsene.
Was unterscheidet Legasthenie von einer erworbenen Lese-Rechtschreibschwäche?
Eine Legasthenie ist biogenetisch bedingt und zeigt sich von Beginn des Schriftspracherwerbs an. Eine erworbene Lese-Rechtschreibschwäche entsteht durch andere Ursachen, etwa längere Unterrichtsausfälle, einen Sprachwechsel oder belastende Lebensumstände. Beide brauchen unterschiedliche Förderwege.
Ist die Wirksamkeit belegt?
Eine Langzeitstudie zwischen 2001 und 2006 mit 3.370 Probanden bestätigt die Wirksamkeit. 85 Prozent der Probanden verbesserten ihre Schreib-, Lese- und Rechenleistungen im zweijährigen Beobachtungszeitraum kontinuierlich und konnten die schulischen Anforderungen erfüllen.
Wer darf nach der AFS-Methode arbeiten?
Diplomierte Legasthenietrainer*innen und Dyskalkulietrainer*innen, die dafür ein Fernstudium des Ersten Österreichischen Dachverbandes Legasthenie (EÖDL) absolviert haben.
Was ist der AFS-Test?
Das zur Methode gehörende computergestützte Testverfahren. Es klärt auf pädagogisch-didaktischer Ebene ab, wie es um Aufmerksamkeit, Sinneswahrnehmungen und Fehlersymptomatik steht, und bildet die Grundlage für den individuellen Trainingsplan.
Literatur und Forschungsarbeiten
Wissenschaftliche Arbeiten, die sich mit der AFS-Methode und dem AFS-Test befassen.
- Pailer-Duller, Livia: Multicultural Differences in Sensory Perceptions of Dyslexic Students: An Analysis of 33,000 AFS-Test Records in Six Languages. Northcentral University, School of Education, San Diego 2019.
- Kopp-Duller, Pailer-Duller: Legasthenie – Dyskalkulie!?, 2008
- ADysTrain: Legasthenie bei jungen Erwachsenen. Education and Culture, European Commission, Leonardo da Vinci Project A/06/B/F/PP-158.327. Austria, Bulgaria, Denmark, Finland, Germany, Hungary, Spain, UK 2008.
- Hender, Karin: Legasthenie im Geigenunterricht. Hochschule für Musik und Theater, Zürich 2007.
- Karli, Doris: Dyslexia in theorie and practice. Alpen-Adria-Universität, Institut für Erziehnungswissenschaften und Bildungsforschung, Klagenfurt 2006.
- Lanzinger, Isabell Maria: Legasthenie in der Fremdsprache Englisch. Karl-Franzens- Universität, Institut für Anglistik, Graz 2006.
- Lippitsch-Ludwig, Iris: Legasthenie im Kindes und Erwachsenenalter. Alpen-Adria-Universität, Institut für Erziehungswissenschaften und Bildungsforschung, Klagenfurt 2007.
- Mészáros, Szilvia: Dyslexia, as Austrian teachers see it. Eötvös Loránd University, Hungary, 2011.
- Rohrmoser, Andrea: Legasthenie pädagogisch betrachtet. Universität Innsbruck, Institut für Erziehungswissenschaften, 2005.
- Trebess, Kerstin: Lerncoaching als Unterstützung bei einem Legasthenietraining. Universität Bielefeld, Fakultät für Erziehungswissenschaften, 2009
- Wagner, Carolin: Legasthenie und Tanz- Chance oder Irrtum? Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Lehrstuhl Pädagogische Psychologie, 2009.
- Wilhelmstötter, Michael: Legasthene Schüler/Schülerinnen im kaufmännischen Unterricht. Leopold-Franzens-Universität Innsbruck, Fakultät für Betriebswirtschaft, Innsbruck 2008.